Bericht von Esther
Mit 33 war ich im Grunde ein körperliches Wrack, ich rauchte mindestens eine Schachtel Zigaretten am Tag, war immer müde und schlapp, meistens lustlos und Sport war mir ein Gräuel, um das ich einen weiten Bogen machte. Ich hatte ständig Kopfschmerzen und Muskelverspannungen, meine Hüfte schmerzte und ich konnte keine 50 m sprinten, um die Bahn noch zu erwischen.
Dabei hatte ich mich als Kind immer gerne bewegt, turnte im Sportverein und hätte gerne getanzt, doch ich wurde von meinen Eltern in diesem Wunsch nicht unterstützt. Nach einem Umzug wurde auch kein neuer Verein gesucht und so blieben mir nur noch Schulsport und Radfahren.
Schulsport hatte ich immer schon gehasst. Rücksichtslose Ballspiele, in die ich mich nicht integrieren konnte, und dann Langstreckenläufe, die mir immer Seitenstechen bescherten, konnten mir keine Freude an der Bewegung vermitteln, im Gegenteil, sie führten zu einer tiefsitzenden Abneigung gegen alle Sportarten, die ich nun mit Konkurrenz und Leistungsdruck verband. Die natürliche Freude an der Bewegung, das Entdecken, dass Übung hier tatsächlich auch schnelle Fortschritte bringen kann, all diese Erfahrungen blieben mir versagt und gruben sich tief in mein Inneres.
Aber dann bekam ich die Kurve und entdeckte mich völlig neu.
Erst fing ich an zu „laufen“, bzw. zu walken, morgens früh, wenn keiner zusehen konnte, wie unsportlich ich war. Nur wenige Wochen später hörte ich mit dem Rauchen auf. Als ich eine Minute joggen konnte, war ich stolz wie Oskar. Als ich 10 Minuten am Stück schaffte, war das mein persönlicher Marathon. Ich war langsam, aber ich lief tapfer jeden Morgen.
Weil ich immer noch Schmerzen hatte, und ich keinen Orthopäden fand, der mir half, besuchte ich meine ersten Sportkurse. Vielleicht würden die Beschwerden verschwinden, wenn ich nicht nur lief, sondern andere Dinge täte und abwechslungsreicher trainierte.
Zunächst probierte ich das, was ich heute „Hausfrauenkurse“ nenne, Stadtsportbund, ich kannte mich ja nicht aus. Ich merkte, dass ich kein Gefühl für meinen Körper hatte. Meine Koordination war unterirdisch, beim Aerobic konnte ich Arme und Beine nicht unabhängig voneinander bewegen, verlor mich in den Raumrichtungen. Trotzdem machte es irgendwie Spaß und ich fragte eine Trainerin, ob ich nicht bei einem anderen Kurs von ihr mitmachen könnte. Sie druckste „Ähm, öhm, also, ich glaube, das ist nichts für Dich…“.
Gut, dachte ich, wenn ich tatsächlich so schlecht bin, muß ich wohl mehr tun, und wechselte in mein erstes Fitness-Studio. Das Gerätetraining war schnell langweilig und ich versuchte mich in den Kursen, probierte dies und das und dann kam der Tag, an dem ich das erste Mal ein ernsthaftes Gewicht in der Hand hatte: eine Langhantel mit sage und schreibe 5 kg. Meine Beine brannten wie Feuer und als ich in der Nacht aufwachte und zur Toilette gehen wollte, sackten sie einfach weg. Doch ich hatte dieses Gefühl: „Das ist es!“
Von da an besuchte ich regelmäßig die Langhantel-Kurse. Und eigentlich auch alle anderen Kurse. Ich hatte alle Hände voll zu tun, mich langsam voranzuarbeiten, denn alles forderte mich und ich forderte auch alles von mir. Mit 35 war ich nach außen hin gesund und fit, doch dann wurde ich ständig krank und eine Infektion nach der anderen suchte mich heim.
Es hat mich einige Jahre gekostet zu verstehen, dass ich zu viel tat und mich zu wenig regenerierte. Ich begann mit dem Tanzen als ich 37 war, meinem Kindheitstraum, wenn auch in veränderter Form – statt Ballett tanzte ich Standard/Latein.
Ich hatte mein Fitness-Studio gewechselt, das Kursangebot hatte sich stark verändert, ich suchte nach anderen, neuen Dingen. Ich las mich durch das Internet. Aber viele Dinge schienen mir zu hart, ich dachte häufig „das kannst Du nicht“ oder „dafür bist Du zu alt“.
Das erste Mal sah ich Kettlebells in einem Video mit Scott Sonnon. Er sprang auf Boxen und trug die schweren Gewichte wie Koffer durch den Raum. Er war stark und gleichzeitig unglaublich agil und gelenkig. „Das ist was für Freaks“, dachte ich.
Ende 2009 spielte mir der Zufall ein Video von der Seite Bodyrock.tv in die Hände. Ich war fasziniert. Aber gleichzeitig auch abgeschreckt. DAS war eindeutig zu hart für mich. Das würde ich NIEMALS schaffen. Alleine der Gedanke an so viele Liegestütze, nein, beim besten Willen… Aber trotzdem ließ es mich nicht mehr los. Eins kam zum anderen, ich las über Crossfit, funktionale Fitness, fragte mich, warum es das alles nicht gab hier in der Nähe, irgendwann war klar: ich wollte das lernen, was auch immer, aber irgendetwas davon und am liebsten wollte ich wieder mit Gewichten arbeiten, meine über die Jahre entdeckte Energie daran abarbeiten.
Es war ein weiterer Zufall, dass eine Trainerin von mir plötzlich einen Bekannten promotete, der Kettlebell-Training anbot. Ich musste keinen Augenblick überlegen und meldete mich sofort zu einem Einsteigerseminar an. Ich war jetzt 40. Und als ich dort war, wusste ich, warum ich bislang kein Trainingsangebot hatte finden können: ich war die einzige Teilnehmerin.
Es war wieder Glück, dass ich das Seminar trotzdem machen konnte. Doch was sollte dann folgen? Ohne Mitstreiter würde es kein weiteres Training geben. Aber mit einem Einsteigerseminar hatte ich nicht genug Wissen und Fähigkeiten, um mir daheim alleine „die Kugel zu geben“.
Ich fasste den Entschluß, drei Monate lang Einzelunterricht zu nehmen und alles zu lernen, was ich wissen musste, um alleine zu trainieren. Am geistigen Horizont winkten mir zeitliche Unabhängigkeit und eine freie Gestaltung meines Trainings, ich war überzeugt, neue Level erreichen zu können, es war, als wüsste ich, dass es genau mein Ding sein würde, egal, was andere Leute sagen würden, ob sie komisch guckten, wenn ich davon erzählte.
Ich war stolz, wenn mein Coach sagte, ich sei talentiert und ein „Kampfschwein“, nach jeder Einheit fühlte ich mich großartig. Die blauen Flecken an den Unterarmen machten mich genauso stolz wie die Muskeln, die plötzlich aus in allen Ecken meines Körpers zu wachsen schienen.
In den drei Monaten lernte ich viele Seiten der funktionellen Fitness kennen, wir trainierten mit dem TRX und auch mit BWE’s, dazu kam HIT und auch das Seilspringen habe ich nach Jahrzehnten wieder ganz neu entdeckt.
Heute kann ich mich mit Selbstbewusstsein an ein Workout von Bodyrock.tv machen, ich trainiere mit meinen drei Kugelhanteln (8, 12 und 16 kg), tanze 3-4 mal in der Woche und koste die Bewegung und die Lebensfreude, die ich durch all das gewonnen habe, voll aus.
Wenn ich die großen Fortschritte der letzten Monate betrachte, hätte ich mir sicher ein paar Jahre Aerobic sparen können, doch besser, man wird später klug als nie.
Seit Januar gibt es nun endlich auch eine Gruppe für funktionelles Training in meiner Nähe. Mein Coach hat nun einige Mitstreiter rekrutieren können und ich hoffe, die Gruppe wächst mit der Zeit :-).